Zwei Stunden bis Stralsund

Manche sagen, Traurigkeit hat sich über das Land gelegt. Und meinen damit das Alleinsein in überfüllten Bahnen. Sie meinen ihre eigene Tasche. Die Taschen der anderen. Den Kram, den sie täglich mit sich herumschleppen und der zur Last wird auf Dauer. Der als Einziger mitkommt beim Aussteigen.

Traurigkeit überfällt das Land. Wo wollen wir eigentlich hin?, fragt Betty beim Familienausflug. Der Vater, der die Karte wie von selbst im Kopf hat und so ganz sicher scheint, weiß es selber nicht. Wie vom Schock getroffen wird er von der Frage und schaut nach links. Ob was kommt von hinten.

Mutter: Wir haben noch Käsebrot.
Vater: Noch zwei Stunden bis Stralsund.
Mutter: Dann halten wir noch mal. Auf dem Schild warn's gerade vier Kilometer.

Betty hat gepinkelt und kaut jetzt Käsebrot. Die Mutter wischt sich ein Haar aus der Stirn, das da festklebt. Um den Mülleimer daneben flirren die Wespen. So ein Tag mitten im Sommer. Es scheint der 12. August. Bettys Turnschuhe drücken. Die Bank ist voll von Colaflecken. Auch der Vater ist schon im Gebüsch gewesen. Jetzt sind alle ganz komisch still und lauschen. Durchs Fenster vom Auto werden die Staus durchgesagt.

Auf der Brücke nach Rügen fängt Betty plötzlich an zu grinsen. Es scheint die Traurigkeit hat vor dem Wasser: Angst.


Zwei Stunden bis Stralsund – Audio



Audio (kostenfrei) herunterladen | Rechte Maustaste "Ziel speichern unter"

© | Mika Garau | Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt

» COGGY BLOG

» COGGY Storytelling & Konzeption