Frau B und Goethe

Harter Arbeitstag. Frau B ist müde, die Füße schmerzen. Die Schuhe schön, aber unbequem, die Bluse viel zu eng, die Haut in der Taille gerötet vom Gummizug. So kann das nicht weitergehen. Der neue Auftrag verlangt Übermenschliches: Fast zwei Schichten für jeden, nur Sonntags frei, alle gehetzt, keine Zeit für Pausenbrot, nur nebenbei am Bagger.

"Das Haus wächst rasend schnell!", hat der Chef der Bank versprochen. Vierundvierzig Arbeiter & neunzehn steuerfrei. Ein neues Prachthaus, so ganz aus Stahl und Glas, mit buntem Licht. Zentrales Verwaltungsgebäude Gebiet Südost, vier Aufzüge, Parkhaus, Sauna, Restaurant.

"Jetzt bist du Chefsekretärin!", hat der Mann frohlockt. Alle Kommunikation läuft bei Frau B zusammen. Nein, Kommunikation ist anderswo: "Sehr geehrter Herr.../ sehr geehrte Frau...., vielen Dank für Ihr Angebot... aber leider müssen wir... mit freundlichen Grüßen..."

Abendbrot. Herr B kocht Suppe. Frau B's Zehen im Fußbad. Explosion. Vierundzwanzig Tote irgendwo anders in der Welt im Fernsehen und im Internet. Ich bin doch schon so gehetzt. Kiefernadelschaumbad. Kraft für den nächsten Tag. Naja, bis kurz nach Mittag.

Im Bett wird alles gut. Der Mann schläft schon. Frau B hat's schwerer. Schlaf kommt nur mühsam. Gedanken kann sie sich viele nicht erlauben. Und dann: Hochschrecken beim Sinnieren: Warte nur balde. Ruhest du auch.

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